Archiv der Kategorie: typisch

typisch irisch / typisch deutsch
Eine kleine Sammlung, was wir als „typisch“ empfinden oder erleben

Freie Platzwahl

Das Restaurant sieht von außen einladend und gemütlich aus. Mein Magen knurrt. Der Tag war lang. Wir haben viele Häuser besichtigt – schöne und nicht so schöne. Sind viele Treppen gelaufen. Haben viele Stunden im Auto verbracht. Zum Frühstück und Mittagessen gab es nur ein Brötchen zwischen zwei Terminen. Immer dabei unser Kleinster. Mal fröhlich, mal müde, mal quengelig, mal neugierig. Jetzt aber vor allem hungrig. Ich betrete das Restaurant und bleibe im Eingangsbereich stehen. Sehe mich suchend um. Es ist Dienstag Abend. Früher Abend. Zwei Tische sind besetzt, mindestens fünfzehn frei. Alle sind schön eingedeckt. Die Damen an dem besetzten Tisch schauen mich irritiert an. Ich schaue ebenso irritiert zurück. Da schiebt mich von hinten mein Mann und mein Sohn weiter in den Raum rein. “Such dir einen Tisch aus! Wie findest du den hier?” Mein Mann zeigt auf einen freien Tisch direkt am Fenster. Eine Kerze steht auf dem kleinen runden Tisch. “Wie jetzt? Einfach hinsetzen?” frage ich entgeistert. Da fällt mir ein: Das macht man ja hier so. Man geht in ein Restaurant, schaut sich nach freien Plätzen um, sucht sich einen aus und setzt sich.

In Irland ist das anders. Dort wartet man nach dem Betreten eines Restaurants – egal welcher Preisklasse – im Eingangsbereich. Meistens wird man dort direkt freundlich von einer Servicekraft begrüßt, man gibt an, mit wievielen Personen man ankommt und wird dann zu einem freien Tisch geführt und meist direkt mit Menükarten und Wasser versorgt. Hier erkennt man oftmals deutsche Touristen daran, dass sie selbstbewusst in ein Lokal stapfen und den einen freien Tisch ansteuern. Das wird allerdings nur in Pubs so gemacht – auch nicht unbedingt in allen, aber doch in den meisten. Ansonsten sollte man stets den Grundsatz “wait to be seated” beachten. Den werde ich mir jetzt wohl wieder abgewöhnen müssen, wenn ich nicht jedes Mal beim Betreten eines Restaurants auffallen möchte.

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Aus der Wäsche gucken

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich am Telefon mal kurz zur Seite gelegt. Während ich also da stand, mit dem Hörer in der Hand und ohne Gesprächspartner auf der anderen Seite, dachte ich über die letzten Worte nach, die ich zuvor gehört hatte.

“Warte mal bitte kurz! Es fängt an zu regnen und ich muss mal eben meine Wäsche reinholen!”

Unspektakulär, wird sich da wohl jeder denken. Hätte ich vor drei Jahren genau so gedacht. Aber hier wird man diesen Satz selten bis gar nicht hören.

Die ersten Wochen in diesem Land dachte ich, unsere Nachbarn hätten ihren eigenen Wetterfrosch. Während ich meine frisch gewaschene Wäsche in den Trockner stopfte und einige Teile dekorativ in der Wohnung zum Trocknen verteilte, drehte an der Wäschespinne gegenüber täglich Bettwäsche neben Unterhose neben Tshirt seine Runden. Motiviert packte ich also unzählige Kinderhosen, Bodies, Socken und Co. auf den Wäscheständer und bugsierte ihn nach draußen – und beobachtete mit Argusaugen den Himmel. Nach viermaligem Rein-und Rausgeschleppe des Wäschedings aufgrund von plötzlich einsetzendem und wieder aufhörendem Nieselregen – innerhalb einer halben Stunde – gab ich auf und trocknete die Wäsche wieder dekorativ verteilt in der Wohnung. Die Wäsche unserer Nachbarn hing übrigens weiterhin draußen. OK – eine Einzelfall von Menschen, die den Geruch von Regenfrische in der Wäsche lieben – dachte ich. Bis zu unserem ersten Ausflug über die irische Insel.

Sensibilisiert für das Thema “Wäschetrocknen” achtete ich vermehrt auf Wäscheleinen, Wäschespinnen und andere Vorrichtungen, von denen Kleidungsstücke herabhängen. Mein Fazit nach unzähligen Kilometern und Ortschaften, die wir im Regen passiert haben: Überall auf der grünen Insel trocknet die Wäsche im Regen. Nur meine wird dabei immer nasser.

Nun gut, dachte ich, das sind ja alles Menschen, die ich nicht kenne. Vielleicht haben sie morgens vor der Arbeit die Wäsche rausgehangen und nicht mit Regen gerechnet (unwahrscheinlich in Irland). Man soll ja nicht voreilige Schlüsse ziehen und so.

Ja, das dachte ich! Aber dann war ich mit meinen Kindern bei einer echt irischen Freundin. Die Kinder spielten im Garten, an der Wäschespinne drehten sich ein paar vereinzelte Kleidungsstücke im allgegenwärtigen Wind und ein Korb mit frisch gewaschener Wäsche stand im Gras. Und dann kam – völlig unerwartet – der Regen. Während die Kinder ins Haus flüchteten, stürmten meine Freundin und ich zur Wäschespinne und ich fing an, hektisch Kindersocken von der Leine zu befreien. Ebenso hektisch unterbrach mich meine Freundin bei dieser Tätigkeit “Nein, nein! Hilf mir schnell, die restlichen Teile aufzuhängen.”

Und das Titelbild ist übrigens meine Wäsche. Typisch irisch also heute: Wäschetrocknen im Regen

Getränkeauswahl

Klar, jeder weiß, dass das irische Lieblingsgetränk Tee ist – schwarzer Tee mit Milch und Zucker um genau zu sein. Aber das allein bringt mich nicht dazu, immer wieder über eine „typisch“ irische/deutsche Angelegenheit zu schmunzeln. Eigentlich ist es mehr das Fehlen einer Kleinigkeit, die mich gerade jetzt dazu bringt, diese neue Kategorie „typisch“ auf dieser Seite hinzuzufügen.

Genauer gesagt war es ein Blick in meinen Küchenschrank. In Deutschland stapelten sich in diesem die unterschiedlichsten Teesorten mit den kreativsten Namen und den merkwürdigsten Geschmackskombinationen, die teilweise eher an Obstsalat als an Tee erinnerten. Hier jedoch – in dem Land des Teetrinkens – finde ich neben dem Fencheltee, der noch aus Noahs Baby-Bauchwehzeit stammt, zwei Sorten schwarzen Tee, einen Rotbuschtee und ganz hinten im Schrank eine Packung Früchtetee. Und ich würde behaupten, dass mein Küchenschrank in etwa das Repertoire repräsentiert, das man im Supermarktregal findet – eine Regalreihe mit unterschiedlichen schwarzen Tees, eine halbe Reihe mit grünem, weißen und Rotbuschtee und ein Regalbrett mit Früchtetee.

Mein Fazit ist daher: „typisch“ deutsch: eine riesige Auswahl an Früchte- und Kräuterteemischungen

Ich hab mich also für eine Teesorte entschieden, den Wasserkocher angemacht – der in einem guten irischen Haushalt übrigens nie kalt wird – mir eine Tasse geholt und den Teebeutel in die Tasse gelegt. Alles soweit normal. Doch da fehlt doch was! Eine klitzekleine Kleinigkeit, die bis vor drei Jahren für mich so selbstverständlich war, dass ich da niemals einen Gedanken dran verschwendet hätte: das Bändchen. Irische Teebeutel haben kein Bändchen, an dem man es wieder aus der Tasse angeln kann. Aber da man hier den Tee ja auch nicht pur sondern mit Milch und Zucker trinkt, kann man den Beuteln mit Hilfe des Löffels wieder herausfischen.

„typisch“ irisch: Teebeutel ohne Rückholbändchen