Ich habe heute leider kein Foto für dich!

Oh doch, der Tag steht unter dem Motto „Foto“. Nochmal zur Erinnerung: Wir sind in China, weil wir eine Einladung zu einer Hochzeit bekommen haben – und die wird heute stattfinden. Bevor man allerdings feiern darf, muss man sich als Brautpaar erstmal durch eine mehrstündige Fototour arbeiten. Und so werden die Trauzeugen um 8 Uhr morgens bei dem Brautpaar erwartet – zum Anziehen und Schminken. Da das bei den Männern erwartungsgemäß etwas weniger Zeit in Anspruch nimmt als bei den Frauen, gehen die Trauzeugen erstmal frühstücken. Dort treffe ich um 9 Uhr zu ihnen und gemeinsam gehen wir zu dem späteren Festsaal. Die Hochzeit findet in einem großen Hotel statt, dass auch bereits einige Politiker beherbergt hat und in dem an jeder Ecke irgendein eingesperrter Vogel zwitschert – ob nun Wellensittich, Kanarienvogel oder Beo. Zurück zum Festsaal. Dort beginnen gerade die Aufbauarbeiten – die großen runden Tische haben bisher nur eine rote Tischdecke und im vorderen Bereich des Saals wird gerade eine Bühne aufgebaut. Es lässt sich aufgrund der vielen herumstehenden Pakete und Dekoelementen bereits erahnen, dass da noch etwas mehr kommen wird. Aber erstmal beginnt nun die Fototour mit zwei Fotografen und einem Kameramann und einem wunderschönen Brautpaar in einer aufwändigen roten chinesischen Tracht.

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In den folgenden drei Stunden erfahren wir, dass diese Hochzeit auch für hiesige Verhältnisse außergewöhnlich ist. Das Brautpaar mit seiner Entourage fällt überall auf – was auch nicht weiter verwunderlich ist. Immerhin sieht das Brautpaar wirklich unglaublich toll aus und es wird begleitet von 10 Trauzeugen – 5 weiblichen und 5 männlichen – die alle Tracht tragen und unter denen 3 große, blonde, europäische Männer sind. Während wir also von Motiv zu Motiv ziehen – See, rote Wand, Tempel, Pavillon usw. – bleiben die Touristen stehen und fotografieren die Gesellschaft bzw. fotografieren die Fotografen beim Fotografieren. Es ist wirklich sehr lustig und die professionellen Fotos werden sicher super toll und das Brautpaar – insbesondere die Braut – ist wirklich total gelassen.

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Um 12.30 Uhr ist dann der Fototeil mit den Trauzeugen beendet und wir werden in das Restaurant am See eingeladen. Das Brautpaar bringt uns nur kurz dorthin, um dann weiter Fotos machen zu lassen. Wir genießen jetzt erstmal das – wieder sehr interessante und leckere – Essen und meine Füße können sich etwas erholen. Da ich ja nicht auf diese Fototour vorbereitet war, hatte ich nämlich schon meine High-Heels zum schicken Kleid an – und da werden dann 5 km schon ziemlich lang.

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Im Anschluss ans Essen gehen wir für eine kleine Pause aufs Zimmer, um dann um 14.30 Uhr zum nächsten Fotoshooting aufzubrechen. Dieses Mal stehen Paarfotos auf dem Programm. Und während wir da so auf der Wippe sitzen und in die Kamera grinsen, werden wir von einem weiteren Hochzeitspaar, dass auf dem Hotelgelände feiert angesprochen – und so gibt es jetzt Fotos von einer fremden Braut mit den westlichen Trauzeugen und von einem fremden Bräutigam mit zwei westlichen Frauen.

Nun geht es zurück zu dem Festsaal zur Generalprobe. Auf dem Weg durch das Hotel lächelt uns von Leinwänden das Brautpaar an – die Bilder sind bei ihrer Hochzeit in Potsdam entstanden und so sind einige der Motive, wie das Schloss Sanssouci, wohl bekannt. Am Festsaal angekommen ist dieser kaum wiederzuerkennen. Zwischen den festlich geschmückten und eingedeckten Tischen verläuft ein Laufsteg bis zur Bühne – gesäumt von üppigem Blumenschmuck. Hinter der Bühne ist eine aufwändige Wanddekoration entstanden. Auf der Bühne steht ein Moderator – der spätere Zeremonienmeister – der dem Brautpaar zu lauter Musik und über Mikro Anweisungen gibt. Das Brautpaar hat sich übrigens umgezogen und sieht jetzt noch großartiger aus als zuvor.

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Nach der Generalprobe trudeln langsam die Gäste ein. Vor der Tür gibt es noch einen kleinen Empfang und die Gäste können Fotos mit dem Brautpaar und/oder den Trauzeugen machen. Als dann alle Gäste an ihren Plätzen sitzen, wird das Licht gedimmt und die Zeremonie beginnt. Und obwohl ich kein einziges Wort verstehe – alles an dem Abend ist nur auf chinesisch – habe ich eine Gänsehaut, weil es wirklich so schön ist. Der Bräutigam steht auf der Bühne und die Braut zieht über den Laufsteg mit durch einen Fächer verdecktem Gesicht ein. Der Bräutigam trifft sie auf halbem Weg und begleitet sie dann zur Bühne. Dort nimmt er ihr den Fächer ab und dann folgen einige „Rituale“ wie das symbolische Abschneiden jeweils einer Haarsträhne, das gemeinsame erste Essen, die gemeinsame Teezeremonie und dem Kuss. Dabei haben die ganzen Trauzeugen immer kleine Aufgaben zu erledigen – Tür aufhalten, Dinge anreichen oder wegnehmen, Schleppen richten etc.

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Nach der Zeremonie beginnt das Essen. Und wenn wir bei den vorherigen Mahlzeiten dachten, sie seien üppig so werden wir jetzt eines besseren belehrt. Immer wieder kommen neue Gerichte und eins ist leckerer als das andere. Während wir essen, finden auf der Bühne kleine Spiele statt – die wir natürlich nicht verstehen, die aber ähnlich wirken, wie die typischen Hochzeitsspiele bei uns. Die Gewinner bekommen die typischen roten chinesischen Umschläge mit Geld oder deutsche Kleinigkeiten. Während wir kurz davor sind, zu platzen oder davonzurollen, aber man im Angesicht der ganzen leckeren Speisen doch immer wieder eine Kleinigkeit essen muss, fängt um uns herum gegen 18 Uhr die Aufbruchstimmung an. Um 19 Uhr ist alles um unseren Tisch abgeräumt und so verabreden wir uns mit dem Brautpaar und einem befreundeten Paar für später in der Hotelbar und wir sechs „Potsdamer“ ziehen in die völlig leere Bar um – dort wird es dann dank selbstaufgelegter Musik und diverser Cocktails noch ganz lustig und als Ben und ich uns um Mitternacht verabschieden, geht für die verbleibenden vier die Party in der Stadt noch weiter.