Es fährt ein Zug nach … Hangzhou

Ich werde wach und bin von mir selbst genervt. Jetzt habe ich – in Theorie – die Möglichkeit auszuschlafen und jetzt bin ich wach. Mein Zeitgefühl funktioniert zwar dank der Zeitverschiebung noch nicht, aber mein Körper sagt mir, dass ich noch nicht so wirklich lange geschlafen haben kann. Aber einschlafen will er irgendwie auch nicht mehr. Hatte ich schon erwähnt, wie genervt ich von mir war? Irgendwann ergebe ich mich und schleiche zum Fenster, um einen Blick hinaus zu werfen. Als ich die Vorhänge zurück ziehe, bin ich sprachlos – nicht das ich vorher schon irgendetwas gesagt hätte. Mein Mann schläft ja noch. Aber der Blick aus dem Fenster vertreibt sofort meine schlechte Stimmung aufgrund der frühen Morgenstunde. Denn vor mir geht gerade über der Skyline von Shanghai die Sonne auf. Ein wirklich unglaublicher Anblick. Den kann ich natürlich auch nicht meinem Mann vorenthalten.

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Und so kommt es, dass wir schon vor der Frühstückszeit auschecken können, einen Spaziergang über die Promenade machen und dann ausgiebig im Hotel frühstücken. Um 8 Uhr sitzen wir bereits wieder im Taxi auf dem Weg zum Bahnhof. Dort befindet sich vor dem Eingang – man muss vor Betreten fast aller Gebäude, U-Bahnstationen etc. durch eine Sicherheitskontrolle – eine große Menschenmenge. Da wir uns allerdings bei den Bahntickets die „Business“-Variante gegönnt haben, dürfen wir durch einen separaten Eingang an allen vorbei gehen. Die nächste Stunde verbringen wir in dem Wartebereich und beobachten, wie das hier mit dem Zugfahren so geht.

Und das funktioniert so: Jedem Zug wird ein bestimmter Wartebereich zugewiesen – die sehen halt so aus wie Wartebereiche aussehen. Über eine große Anzeigetafel sieht man, welcher Zug als nächstes kommt. Sobald dieser von weißer Schrift auf grüne Schrift umgestellt wird, sind die Drehkreuze freigegeben und alle, die ein Ticket für diesen Zug haben, können durchgehen. Für Sperrgepäck etc. wird ein extra Eingang geöffnet, an dem Kontrolleure die Tickets entwerten. Kurz vor der geplanten Abfahrt wird die Schrift dann auf Rot umgestellt und ab dann kann man nicht mehr durch die Drehkreuze gehen. Aber angenommen, man hat es pünktlich geschafft, dann geht man zu seinem Gleis, auf dem bereits der Zug wartet, sucht sein Abteil und steigt ein. Fertig. Super simpel, es gibt kein Gedränge, keine Falschfahrer, keine Hektik, weil der Zug doch auf einem anderen Gleis ankommt, keine Unfälle mit ein- oder ausfahrenden Zügen und der Zug kann pünktlich losfahren.

Wir hatten uns ja für die Luxusvariante entschieden und so können wir uns die nächsten 1,5 Stunden auf dem Weg nach Hangzhou entspannen – in extrabreiten Sitzen, die man in Liegeposition bringen kann, mit kleinen Erfrischungen und nur zwei weiteren Personen im Abteil. Und auch meine Noise-cancelling-Kopfhörer können im Rucksack bleiben, denn der Zug ist so leise.

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Dort angekommen bekommen wir bei der Fahrt zum Hotel einen ersten Eindruck von der Stadt. Hangzhou ist mit knapp 6 Millionen Einwohnern nicht gerade eine Kleinstadt, aber sie ist in China dank einem angenehmen Klima und einer schönen Seenlandschaft ein beliebter Urlaubsort. Und genau das sehen wir auf dieser ersten Fahrt – es herrscht eine entspannte Urlaubsstimmung, Familien gehen am See spazieren, man kann Boote mieten und an den Straße gibt es kleine Mitbringsel und Süßigkeiten zu kaufen. Nachdem wir kurz unsere Sachen aufs Zimmer gebracht haben, mischen wir uns unter die Urlauber – und merken schnell, dass wir auffallen. Bei unserem Spaziergang um den See sehen wir tatsächlich keinen anderen europäisch aussehenden Menschen. Dies ist eine Erfahrung, die ich gerne jedem, der sich abfällig über Menschen anderer Hautfarbe oder mit anderen äußerlichen Merkmalen in unserer Gesellschaft äußert, wünschen würde. Denn auch wenn hier wirklich alle ausgesprochen freundlich sind, ist es nicht gerade angenehm, wenn man alleine aufgrund seines Aussehens auffällt und man keine Möglichkeit hat, „sich in der Masse zu verstecken“. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich Menschen fühlen, wenn diese „Masse“ ihnen gegenüber auch noch feindlich gestimmt ist.

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Aber wieder zurück zum eigentlichen Thema. Nach dem Spaziergang ziehen wir uns um und treffen uns mit Bens Arbeitskollegen, die ebenfalls aus Berlin angereist sind sowie dem Bräutigam und es folgt die Anprobe der Trauzeugen-Tracht. Obwohl schon die größte mögliche Größe bestellt wurde, scheinen die Ärmel und auch die „Röcke“ etwas kurz – die Trauzeugen entsprechen nicht ganz dem chinesischen Standardgrößen. Aber irgendwie passen sie dann doch und alle wissen, was sie am nächsten Tag wie zu tragen haben.

Im Anschluss treffen wir uns mit den Trauzeuginnen der Braut sowie den Eltern und werden mit einem Kleinbus zu einem Restaurant auf der anderen Seite des Sees gefahren. Da wir noch ein paar Minuten haben, gehen wir dort ein Stück spazieren und bekommen von der Braut ein bisschen geschichtlichen Hintergrund über den Ort erzählt.

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In dem Restaurant bekommen die Trauzeugen und das Brautpaar einen Raum mit einem großen runden Tisch an dem wir mit 16 Personen Platz finden und die Familie is(s)t in einem separaten Raum. Und dann bekommen wir das Menü, dass 2016 beim G20 Gipfel in Hangzhou serviert wurde. Leider kann ich nicht mehr alle Speisen aufzählen, aber es ist alles wirklich sehr lecker, frisch und schön angerichtet. Währenddessen haben wir alle sehr viel Spaß, die chinesischen Freunde versuchen, uns die Speisen zu übersetzten, aber schnell kommen wir alle an unsere Grenzen und einigen uns auf die Begriffe „vegetable“ und „seafood“, denn einiges, was wir da so essen, können wir nicht mal einordnen, obwohl wir die deutsche Übersetzung herausgefunden haben. Überhaupt ist es eine sehr lustige Runde, in der ein Gemisch aus Chinesisch, Deutsch und Englisch gesprochen wird. Nach knapp zwei Stunden, in denen immer wieder neue Speisen auf den Tisch gestellt wurden, sind wir alle dann sehr satt und können verstehen, warum wir zum Essen jeweils ein kleines Kännchen Schnaps bekommen haben. Denn der räumt tatsächlich immer wenn man denkt „jetzt passt wirklich nichts mehr“ noch ein kleines bisschen im Magen frei, sodass man wieder die gerade neu gebrachten Speise probieren kann. Aber irgendwann ist dann doch Schluss und wir werden wieder mit dem Bus zurück ins Hotel gebracht und fallen dort direkt ins Bett.

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