Hoch hinaus

Das mit der Zeitverschiebung ist ja so eine Sache. Die Müdigkeit zur falschen Zeit kann man durch viel Aktivität besiegen, Schlafen obwohl noch keine Schlafenszeit ist, ist bei mir in aller Regel auch nicht das Thema, aber eines lässt sich bei mir nicht überlisten. Alle, die mich persönlich kennen, wissen das: mein Hunger. Mein Mann ist inzwischen Profi darin, mir in regelmäßigen Abständen zur Nahrungsaufnahme zu verhelfen. Ich selber bin da nämlich durchaus „vergesslich“ und leide an Selbstüberschätzung, sodass ich gerade auf Reisen dazu neige, das Essen zu vernachlässigen und die absehbare Konsequenz – sehr schlechte Laune – ignoriere. Alleine aus Selbstschutz ist Ben also darauf bedacht, mich auch trotz vehementen Widerstandes meinerseits und keinerlei Hungergefühl seinerseits vom Essen zu überzeugen.

An unserem ersten Morgen in Shanghai passiert daher etwas sehr Merkwürdiges. Wir stehen nach einer Nacht des Durchschlafens – die Eltern unter Euch wissen um des Seltenheitsfaktors – auf, duschen entspannt und gehen zum Frühstück – kurz vor Beendigung desselben – auch hier ist dies bei unseren Frühaufsteherkindern durchaus selten. Da sitzen wir also – vor uns ein großartiges Buffet mit allem was der Magen begehren könnte – Müsli, Obst, Ei in diverser Variation, diverse asiatische warme Gerichte, Brot, Gebäck und und und. Und ich? Ich habe keinen Hunger! Während sich mein Mann über die herzhaften warmen Gerichte freut, knabbere ich an einem kleinen Gebäck und etwas Obst rum und trinke meinen Kaffee.

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Als dann wirklich alles um uns herum abgeräumt wird, machen wir uns mit dem Taxi auf den Weg zum Bahnhof. Für den darauffolgenden Morgen haben wir eine Zugfahrt nach Hangzhou gebucht und wir möchten vorher unsere Bahntickets abholen und uns einen Überblick darüber verschaffen, wie lange wir dorthin brauchen und wo wir überhaupt hinmüssen.

Am Bahnhof angekommen – die Taxifahrt durch diese riesige Stadt, vorbei an all den Hochhäusern und mitten im verrückten Stadtverkehr faszinierte uns wieder – können wir nur staunen. Alles scheint in China riesig und für viele Menschen ausgelegt zu sein. Ohne Probleme finden wir die Halle, in der man Tickets kaufen und abholen kann und innerhalb von Sekunden werden wir von dem Infoschalter zu einem bestimmten Ticketschalter verwiesen. Während wir dort anstehen – alle Beschriftungen sind ausschließlich auf chinesisch – und uns über die freundliche Dame an dem Infoschalter freuen, die uns so unglaublich schnell an den richtigen Schalter verwiesen hatte – fällt uns an dem Fenster ein kleines Schild auf „english speaking“. Das erklärt auf jeden Fall diese superschnelle Reaktion. Kurze Zeit später sind wir – um zwei Bahntickets reicher – wieder mit dem Taxi unterwegs.

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Unser nächstes Ziel: French Concession

Wir schlendern durch dieses gemütliche Viertel und sind begeistert von der Vielfalt. Hier gibt es wunderschöne kleine Boutiquen mit Kleidung, Schuhen und Kunst, dazwischen Fleischer, Bäcker und andere Lebensmittelläden neben Haushaltsbedarf. Hier wechseln sich traditionelle Läden mit modernen ab und Ramschware wird direkt neben edlen und teuren Stücken präsentiert. All das ist in kleinen, unübersichtlichen und wunderschönen Straßen, die durch große Bäume überwachsen sind. Doch dazwischen finden sich ebenfalls riesige ummauerte, eingezäunte und durch Sicherheitspersonal bewachte Schulgebäude sowie Mega-Hochhäuser mit Wohnungen.

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Unser letztes Ziel in dieser Gegend ist der Park Fu Xing. Nachdem wir Marx & Engels einen Besuch abgestattet haben und ein wenig das Treiben beobachtet haben – in den Parks und Gassen sieht man häufig Gruppen älterer Personen, die gemeinsam Karten spielen, mit dem Diabolo oder Jianzi Kunststücke machen oder einfach tanzen – fahren wir weiter nach Pudong – dem Financial District.

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Bisher haben wir dieses Viertel nur von der anderen Seite des Huangpu Rivers gesehen – hier stehen die riesigen Hochhäuser, die die Skyline von Shanghai bilden. Und eines davon ist unser jetziges Ziel: der Shanghai Tower. Das derzeit zweithöchste Gebäude der Welt ist 632 m hoch und hat 121 Etagen. Mit dem Aufzug ist man innerhalb einer Minute auf der 118. Etage – und von dort aus hat man einen unglaublichen Blick über Shanghai. In der Theorie. Erwischt man allerdings einen Tag, an dem der Smog sich wie eine Decke über die Stadt legt, sieht man nicht so viel. Und so einen Tag hatten wir. Dennoch ist die Höhe eindrucksvoll und da es nicht so voll war, habe ich mich ziemlich lange einfach auf den Boden an eines der Fenster gesetzt und habe die Stadt wie ein riesiges bewegtes Wimmelbild betrachtet.

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Irgendwann treibt uns dann der Hunger wieder nach unten und wir essen in der FoodHall im Keller des Towers eine Kleinigkeit. Und weil wir gerade in der Nähe sind, möchten wir dann auch noch eine weitere Rooftop-Bar ausprobieren – und zwar die im RitzCarlton. Und so latschen – anders kann man das echt nicht sagen – wir beide mit Jeans und gemütlichen Schuhen in dieses Nobelhotel und fahren mit dem Aufzug hoch zur Rezeption. Von dort aus geht ein separater Aufzug auf die 56. Etage in die Bar Flair – von der man einen wirklich großartigen Blick über das nächtliche Shanghai hat und der Pearl Tower so nah wirkt, als könne man ihn anfassen. Nachdem wir – völlig underdressed – an der Bar zwei wirklich sehr leckere aber preislich auch etwas teurere Cocktails genossen hatten – ging es wieder abwärts und Richtung Hotel.

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Nun würden wir im Hotel noch gerne eine Kleinigkeit essen und begeben uns auf die Suche nach dem Restaurant – was gar nicht so einfach ist, wie sich kurze Zeit später herausstellt. Der Restaurant sollte sich auf Etage 23 befinden, der Aufzug fährt allerdings nur bis zur 22. und Treppen sind auch nirgends zu finden. Im Aufzug treffen wir noch zwei andere Paare, die ebenfalls auf der Suche sind. Nachdem wir einen weiteren Aufzug ausprobiert hatten und wieder nur auf der besagten 22. gelandet waren, fahren wir hinunter zur Rezeption – und bekommen die Lösung präsentiert. Versteckt im Untergeschoss, hinter dem Concierge, gibt es noch einen Aufzug, der tatsächlich bis ins Restaurant fährt. Ein Blick in die dortige Karte lässt uns dann aber – dank Auswahl und Preisen – auf einen Nachtisch und einen Cocktail umschwenken.

Nach einem nächtlichen Spaziergang durch die umliegenden Gassen, fallen wir irgendwann müde ins Bett.