Sonne, Bunker und Kinderlachen

Den allerschönsten Ausflug haben wir eigentlich völlig ungeplant gemacht. Morgens früh blätterte ich in einem der vielen Heftchen auf Niederländisch herum, die man überall in die Hand gedrückt bekommt. Das Wetter sah so aus, als könne es sich nicht richtig entscheiden und daher zog es uns nicht direkt zum Strand. Aber wir hatten auch noch keine andere Idee. In dem besagten Heftchen fand ich allerdings eine Anzeige, aus der ich so grob entziffern konnte, dass es sich um einen Wasserspielplatz handelt. Die rhetorische Nachfrage bei den Kindern, ob sie diesen gerne besuchen würden löste unmittelbar geschäftige Betriebsamkeit im ganzen Haus aus. Und so machten wir uns kurze Zeit später auf den Weg nach Groede.

Dort angekommen begrüßte uns auf dem Parkplatz erst einmal ein entlaufendes Schaf – und so fühlten wir uns direkt heimisch, begegnen einem auf irischen Straßen doch auch regelmäßig Schafe und andere Nutztieren. Der Park, der sich vor uns öffnete war wunderschön, im Baumschatten auf der Wiese in der Mitte hatten sich bereits einige Familien und größere Gruppen niedergelassen und das Café am Eingang wirkte offen und modern. Erst beim Betreten der Anlage wurde uns dann bewusst, um was es sich hier handelt: einer Bunkeranlage, die im 2. Weltkrieg von den Deutschen als Teil des Atlantikwalls erbaut worden war.

Groede Podium

Zwischen den Bunkern, die während des Krieges als Häuser getarnt waren, können nun Kinder mit Wasser spielen, Trampolin springen, Tiere beobachten und klettern. Die Bunker selber bieten inzwischen Fledermäusen ein Zuhause und können zum Teil betreten werden. Informationstafeln erklären die Geschichte und Bedeutung der Anlage während des 2. Weltkrieges.

Kontrast

Am Ende des Rundweges kann man sich in dem schönen Café mit sehr leckeren Poffertjes und Baguettes stärken.

Stärkung

Obwohl es inzwischen nur noch riesige, nutzlose Betonklötze sind – mal abgesehen von den Fledermausherbergen – fühlten wir uns auf dem Gelände beklommen. Die Gefechtsspuren an den Außenwänden und die bedrückende Enge und absolute Dunkelheit im Inneren der Bunker steht im völligen Kontrast zu den spielenden Kindern, dem Sonnenschein und der entspannten und gelassenen Stimmung. Wir haben in der Schule viel über den 2. Weltkrieg beigebracht bekommen, ich habe einiges darüber gelesen und von meinen Großeltern erzählt bekommen, ich habe in Yad Vashem Tränen vergossen für Menschen, die in einer anderen Zeit lebten und die ich nicht kannte – aber an diesem schönen Urlaubstag waren die Gräueltaten dieser vergangenen Zeit plötzlich so nah. Denn auf einmal war da nicht nur das Dunkle, Bedrohliche, Furchtbare und Unvorstellbare – sondern auch Sonne und Kinderlachen inmitten eines Ortes, den man mit allem anderen verbindet doch nicht mit Lebensfreude.

Über den Atlantikwall selber wusste ich vorher kaum etwas. Erst nach unserem Besuch in Groede habe ich mich mit diesem riesigen Bauvorhaben der Nazis befasst. Dieser Ausflug, die anschließende Recherche, die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit und unsere Fahrt von Irland nach Holland haben mir eines wieder sehr deutlich gemacht: Ich bin dankbar, heute leben zu dürfen. Ich bin dankbar, Deutsche und Europäerin sein zu dürfen. Ich bin dankbar, in Europa leben zu dürfen. Und meine Gedanken sind bei all den Menschen – in der Ukraine, in Israel und Palästina, in Syrien, im Irak und in den vielen Ländern, in denen Bürgerkriege oder machthungrige und skrupellose Menschen Angst und Schrecken verbreiten.

3 Kommentare

  1. Das Schlimme ist nur, dass gerade auch die EU diesen Frieden im Moment aufs Spiel setzt. Den USA kanns Recht sein, denen könnte nichts schlimmeres passieren, als dass sich Russland mit seinen Resourcen und die EU mit seiner Wirtschaft zusammentun. Aber dieses 2001 von Putin vorgeschlagene Bündniss haben die USA ja schon damaöls zu verhindern gewusst. Und jetzt ist Europa eigentlich genau dort, wo es us-amerikanische Politikwissenschaftler schon vor Jahren vorausgesagt haben und es passiert genau das, was Berater der US-amerikanischen Regierung schon vor Jahren geraten haben.
    Ansonsten bin ich zwiegespalten ob der Anlage. Einerseits eine gute Idee, diesen Anlagen den dunklen Zauber zu nehmen und Menschen, die sich möglicherweise nie mit diesem Teil der Geschichte befasst haben, mit der Nase drauf zu stoßen und gerade die Verbindung Kinderlachen/Familien/Bunker/Einschusslöcher zeigt ja, wie fragil Frieden ist und dass bei einem Krieg nicht nur Soldaten zu Schaden kommen, andrerseits kann ich mir vorstellen, dass die Bunkeranlage einem Familienausflug etwas die Leichtigkeit nimmt.

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    • Das stimmt, der Frieden scheint gerade weltweit sehr fragil zu sein. Aber dennoch fühle ich mich hier (in Europa) vergleichsweise sicher und wir profitieren von vielen Gesetzen und Regeln, die nur durch die EU zustande gekommen sind. Bleibt nur zu hoffen, dass weiterhin die richtigen Entscheidungen getroffen werden.
      In Groede hatte ich das Gefühl, dass dort viele Einheimische waren, die die Anlage regelmäßig besuchen – dort stand bei der Allgemeinheit eher der Spielplatz und das Picknick im Vordergrund. Mit uns sind nur wenige Touristen vor den Informationstafeln stehen geblieben oder haben sie die Audio-Berichte angehört. Mir hat es tatsächlich etwas die Leichtigkeit genommen und ich habe mich nicht nur an dem Tag sondern auch in den folgenden Tage sehr damit beschäftigt, aber die Kinder haben davon nichts bemerkt – für sie war es einfach ein schöner Spielplatz mit vielen merkwürdigen und dunklen Gebäuden. Aber dennoch finde ich die Anlage sehr gut, da es halt kein Museum ist, in dem man den 2. Weltkrieg komprimiert auf wenigen Quadratmetern „vorgeführt“ bekommt – in schwarz-weiß und dunkel – und das Grauen so komprimiert ist, dass es in dem Raum zu wohnen scheint. Dort sieht man, dass der Krieg in den wunderschönsten Landschaften, idyllischen kleinen Orten, historischen Städten und vor allem in Mitten der Menschen stattgefunden hat – und das finde ich wirkt sehr viel verstörender und damit lehrreicher. Ich gehöre nunmal (zum Glück) einer Generation an, für die der Krieg hauptsächlich in Geschichtsbüchern und auf schwarz-weiß-Photographien stattgefunden hat – und obwohl ich mich nach meiner Einschätzung etwas mehr mit der Vergangenheit beschäftige als der Großteil meiner Generation, waren die Bilder in meinen Vorstellungen auch schwarz-weiß. Ich weiß, dass das naiv ist, aber so war es bis zu dem Besuch in Groede. Seitdem sind sie aber farbig – und für mich dadurch noch erschreckender.
      Puh, die Antwort ist etwas lang und durcheinander geworden … das tut mir leid! Aber ich kann meine Gedanken dazu gerade nicht alle richtig formulieren.
      Schöne Grüße, Barbara

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  2. Es wird sehr berührend, an einem geschichtsträchtigen Ort einen schönen aber auch intensiven Tag verbringen zu können, oder? Die Fotos sind jedenfalls eindrucksvoll!

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