Aus der Wäsche gucken

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich am Telefon mal kurz zur Seite gelegt. Während ich also da stand, mit dem Hörer in der Hand und ohne Gesprächspartner auf der anderen Seite, dachte ich über die letzten Worte nach, die ich zuvor gehört hatte.

“Warte mal bitte kurz! Es fängt an zu regnen und ich muss mal eben meine Wäsche reinholen!”

Unspektakulär, wird sich da wohl jeder denken. Hätte ich vor drei Jahren genau so gedacht. Aber hier wird man diesen Satz selten bis gar nicht hören.

Die ersten Wochen in diesem Land dachte ich, unsere Nachbarn hätten ihren eigenen Wetterfrosch. Während ich meine frisch gewaschene Wäsche in den Trockner stopfte und einige Teile dekorativ in der Wohnung zum Trocknen verteilte, drehte an der Wäschespinne gegenüber täglich Bettwäsche neben Unterhose neben Tshirt seine Runden. Motiviert packte ich also unzählige Kinderhosen, Bodies, Socken und Co. auf den Wäscheständer und bugsierte ihn nach draußen – und beobachtete mit Argusaugen den Himmel. Nach viermaligem Rein-und Rausgeschleppe des Wäschedings aufgrund von plötzlich einsetzendem und wieder aufhörendem Nieselregen – innerhalb einer halben Stunde – gab ich auf und trocknete die Wäsche wieder dekorativ verteilt in der Wohnung. Die Wäsche unserer Nachbarn hing übrigens weiterhin draußen. OK – eine Einzelfall von Menschen, die den Geruch von Regenfrische in der Wäsche lieben – dachte ich. Bis zu unserem ersten Ausflug über die irische Insel.

Sensibilisiert für das Thema “Wäschetrocknen” achtete ich vermehrt auf Wäscheleinen, Wäschespinnen und andere Vorrichtungen, von denen Kleidungsstücke herabhängen. Mein Fazit nach unzähligen Kilometern und Ortschaften, die wir im Regen passiert haben: Überall auf der grünen Insel trocknet die Wäsche im Regen. Nur meine wird dabei immer nasser.

Nun gut, dachte ich, das sind ja alles Menschen, die ich nicht kenne. Vielleicht haben sie morgens vor der Arbeit die Wäsche rausgehangen und nicht mit Regen gerechnet (unwahrscheinlich in Irland). Man soll ja nicht voreilige Schlüsse ziehen und so.

Ja, das dachte ich! Aber dann war ich mit meinen Kindern bei einer echt irischen Freundin. Die Kinder spielten im Garten, an der Wäschespinne drehten sich ein paar vereinzelte Kleidungsstücke im allgegenwärtigen Wind und ein Korb mit frisch gewaschener Wäsche stand im Gras. Und dann kam – völlig unerwartet – der Regen. Während die Kinder ins Haus flüchteten, stürmten meine Freundin und ich zur Wäschespinne und ich fing an, hektisch Kindersocken von der Leine zu befreien. Ebenso hektisch unterbrach mich meine Freundin bei dieser Tätigkeit “Nein, nein! Hilf mir schnell, die restlichen Teile aufzuhängen.”

Und das Titelbild ist übrigens meine Wäsche. Typisch irisch also heute: Wäschetrocknen im Regen

5 Kommentare

  1. hehe mit zweimal Waschen wird die Wäsche weicher 🙂
    Aber wir haben das auch in Schottland erlebt – und dann gleich ein Schottisches Zelt gekauft. Die Dinger sind mit dem Wind innerhalb von 10 Minuten trocken! Das glaubt jetzt keiner, der es nicht gesehen hat.

    Lustig war, als wir nach 6 Monaten über die Inseln reisen (Camping!) wieder zurück in die Schweiz kamen. An einem der ersten Wochenenden war Grillparty mit der Grossfamilie angesagt. Zwei, drei Tröpfchen und die ganze Familie drängte sich im viel zu kleinen, gemieteten Hüttchen zusammen. Nur wir standen dort und schauten uns fragend an: Das war doch noch überhaupt kein Regen. In Irland ginge das noch nicht mal als „feucht“ durch, geschweige denn als Regen (und auf den Western Islands wäre das noch windstilles Schönwetter gewesen, bei dem man gefälligst im Badezeug an den Strand liegt. Wind unter 8, stell Dir vor!)

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    • Haha, ja das Wetterempfinden ist wirklich komplett unterschiedlich. Hier kann man auch die Einheimischen deutlich von den Touristen unterscheiden. Die einen Tragen bei Wind und Wetter Multifunktionsjacken, Wanderschuhe und Mütze und die Iren bei gleichen Wetterverhältnissen Hotpants, Trägershirt und maximal noch ne Strickjacke. Und wir tragen einen Zwischending – den Lagen-Look 😉

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