Warten

Nervös sitzt die ganze Familie im Auto und schleicht hinter einem sehr langsam fahrenden Kleinwagen hinterher. Das erhöht die Verspätung, die wir bereits beim Start hatten um weitere wertvolle Minuten. Als der Kleinwagen endlich abbiegt, fahren wir direkt in den Stau einer Baustelle. Wir kriechen über Dublins Straßen, während der Zeiger auf der Uhr der zwei immer näher kommt – ich hasse Unpünktlichkeit – so sehr ich mich auch bemühe, so ganz irisch relaxed bin ich in diesem Moment nicht!

Wir befinden uns nämlich auf dem Weg zu der nächsten Vorsorgeuntersuchungen in der Klinik – mit beiden Kindern, die noch aufgeregter sind als ich. Der Mann von den Energiewerken – der für unsere Anfangsverspätung verantwortlich ist – hat bereits in der Eingangstür von meinen beiden Töchtern erzählt bekommen „Mum has a baby in her belly and we go to the Krankenhaus“.

In der letzten Minute und somit gerade noch pünktlich kommen wir im Krankenhaus an. Eigentlich hab ich erst einen „normalen“ Termin bei dem Gynäkologen und der Hebamme und im Anschluss noch eine Kontrolluntersuchung in der cardio clinic. Doch meine Akte ist versehentlich bereits in Richtung cardio clinic entschwunden und so werden spontan die Termine umgedreht.

Und damit beginnt das Entsetzen und Warten! Aus der geborgenen, ordentlichen und freundlichen Welt der private clinic werden wir in die Löwengrube des normalen Krankenhauses geschickt. Hatte ich mich noch im Eingangsbereich über die Hochschwangeren mit Glimmstängel in der Hand aufgeregt, so ist das hier wirklich das kleinste aller Übel.

Um an meine Akte zu kommen, muss ich mich in eine Warteschlange mit ca. 40 weiteren Schwangeren begeben. Neben sehr ausgefallenen, unterschiedlichen Kleidungs- und Schminkstilen – sowohl der Schwangeren wie auch der Begleitpersonen, dominieren vielerlei unangenehme Gerüche und eine Atmosphäre, die ich gar nicht richtig beschreiben kann und will. Ich bin unendlich froh, dass sich meine Geruchsempfindlichkeit und Übelkeit aus der Frühschwangerschaft einigermaßen normalisiert hat! Zwischen Menschen, die auch in einer der vielen deutschen Nachmittags-Reality-Soaps mitspielen könnten, sitzen vereinzelt verschüchterte Frauen, die ähnlich interessiert die Masse beobachten wie ich. Nach einer halben Stunde bekomme ich endlich meine Akte und eine Wartenummer für die Spezialabteilung – Nr. 12. Vier Stühle stehen vor dem Zimmer des Kardiologen, direkt daneben ist der riesige Wartebereich für die allgemeinen Schwangerschaftsvorsorgen. Während dort gerade die Nummer 66 aufgerufen wird, befindet sich in dem Raum, in den ich gerne rein würde Patientin Nummer 6. Es heißt also mal wieder: Warten!

Doch die Wartezeit ist gar nicht so schlimm, denn es gibt viele interessante Menschen zu beobachten. Ein Cola-trinkendes Kleinkind, Schwangere, deren Akten ca. 1000 Seiten beinhalten – meine ähnelt eher einem neu angelegten Schnellhefter, Zigaretten drehende Begleitpersonen, ein Sicherheitsbeamter, der schnellen Schrittes den Flur entlang schreitet, drei Polizisten, die kurze Zeit später zielstrebig an mir vorbei rennen, Klinikpersonal, das Patienten sucht, Mädchen in Schuluniform mit dickem Bauch – begleitet von Mädchen in Schuluniform …

Die Stunde Wartezeit vergeht fast wie im Flug. Zwischendurch gucken Benni und die Kinder nach mir, versorgen mich mit Süßigkeiten und entschwinden dann wieder – in die Wartezimmer der Privatklinik.

Eineinhalb Stunden nach meinem regulären Termin werde ich zu dem Kardiologen vorgelassen. Nach einem kurzen Gespräche, warum ich überhaupt da bin, hört er kurz mein Herz ab, misst Blutdruck und hört mit einem Hörrohr auch das Herz meines Bauchbewohners ab. Alles ok und keine weiteren Untersuchungen notwendig – nach fünf Minuten bin ich wieder vor der Tür.

Zurück in der Privatklinik geht es weiter mit – Warten! Aber hier ist das Umfeld deutlich angenehmer! Gemütliche Sessel, „normale“ Menschen, ein Wasserspender, ein Fernsehen, auf dem die englische Fassung von „Wer wird Millionär“ läuft und Ruhe.

Nach einer weiteren halben Stunde warten, habe ich ein angenehmes Gespräch mit einer sehr netten Hebamme, die mir meine Blutwerte vom letzte Mal erklärt und mir erneut Blut abnimmt. Sie gibt mir noch einige Tipps und Adressen für die Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerschaftsjoga und Babykurse. Und vor allem gibt sie mir mein gutes Gefühl wieder, bei der Wahl des Krankenhauses und der Entscheidung, hier – in dieser Klinik im Speziellen und in Irland überhaupt – ein Kind zu bekommen!

Einem kurzen Abstecher zurück ins Wartezimmer folgt der Arztbesuch. Einem kurzen Gespräch über mein Wohlbefinden und die Bewegungen des Babys folgt überraschenderweise eine Ultraschalluntersuchung. Dem Baby geht es gut, es ist weiterhin ein Junge und er ist etwas kleiner als der Durchschnitt – aber das waren seine beiden großen Schwestern auch immer, daher besteht kein Grund zur Sorge.

Nach zweieinhalb Stunden verlassen wir vier das Klinikgelände – müde von der ganzen Warterei, aber wieder mal erleichtert, das es dem kleinsten Familienmitglied in meinem Bauch gut geht.

Mein Ausflug in die irische Welt der Normalversicherten im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge war dagegen erschreckend, schockierend und macht mich fast sprachlos – und ich weine keinem Cent, den wir für das Upgrade in den Bereich semi-private bezahlt haben, mehr hinterher! Ich möchte hier wirklich niemanden bewerten oder gar abwerten und ich komme mir gerade vor, wie das kleine, naive Mädchen, dass zum ersten Mal in die große, böse Wirklichkeit geguckt hat – und bin unendlich dankbar, dass ich in meiner kleinen, behüteten, relativ sicheren Welt leben darf!

2 Kommentare

  1. Wieder schöner und vor allem sehr anschaulicher Bericht !!! Interessant wäre jetzt noch, was die drei anderen während deiner Wartezeit gemacht haben…….

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